Methoden sind wichtig. Fachwissen ist wichtig. Aber entscheidend ist für mich die Haltung, mit der wir Menschen begegnen. Einige Gedanken ziehen sich deshalb wie ein roter Faden durch meine Arbeit.
„Hinter jedem Verhalten steckt ein guter Grund.“
Das ist wahrscheinlich einer meiner wichtigsten Grundsätze. Ein guter Grund bedeutet nicht, dass jedes Verhalten gut ist, und auch nicht, dass wir alles akzeptieren müssen. Es bedeutet: Verhalten ergibt im Zusammenhang mit Erfahrungen, Bedürfnissen und Möglichkeiten eines Menschen häufig Sinn. Vielleicht schützt es. Vielleicht vermeidet es etwas. Vielleicht reguliert es. Vielleicht verschafft es Sicherheit. Vielleicht ist es gerade schlicht die beste Möglichkeit, die diesem Menschen zur Verfügung steht.
Deshalb möchte ich nicht nur fragen: „Wie bekommen wir das weg?“ Sondern: „Wofür könnte dieses Verhalten gerade eine Lösung sein?“ Verstehen bedeutet nicht gutheißen. Verstehen ermöglicht aber häufig, anders zu handeln.
„Es könnte auch ganz anders sein.“
Meine Erklärung einer Situation ist nicht automatisch die Wahrheit. Das gilt für Eltern, für Fachkräfte, für Paare, für Teams. Und natürlich auch für mich als Beraterin. Deshalb möchte ich Hypothesen nicht mit Wahrheiten verwechseln. Neugier statt Gewissheit. Vielleicht ist etwas tatsächlich so. Vielleicht aber auch ganz anders. Und genau dieser kleine Spalt zwischen beiden Möglichkeiten kann manchmal unglaublich viel verändern.
„Beziehung vor Veränderung.“
Beziehung ist für mich kein Extra. Sie ist Grundlage. Gerade bei Kindern schlägt mein Herz für einen beziehungs- und bindungsorientierten Blick. Kinder brauchen Erwachsene, die nicht nur auf ihr Verhalten reagieren, sondern bereit sind, dahinterzuschauen. Dabei bedeutet Beziehung nicht: keine Grenzen, keine Konsequenzen, alles erlauben. Im Gegenteil. Ich kann dich verstehen und trotzdem Nein sagen. Ich kann dein Bedürfnis sehen und trotzdem eine Grenze setzen. Ich kann dein Verhalten schwierig finden und dich trotzdem nicht als schwierigen Menschen betrachten. Beziehung zeigt sich für mich gerade dort, wo es schwierig wird.
Verhalten ist Kommunikation.
Kinder können uns nicht immer sagen: „Das ist mir zu viel.“ „Ich bin überfordert.“ „Ich brauche Hilfe.“ Manchmal erzählen sie es durch Verhalten. Durch Wut, Rückzug, Verweigerung, Lautstärke, Impulsivität, Unruhe. Oder durch das, was Erwachsene irgendwann als „Verhaltensauffälligkeit“ bezeichnen. Deshalb interessiert mich: Was versucht dieses Verhalten gerade zu leisten? Vielleicht ist es momentan der bestmögliche Regulations- oder Bewältigungsversuch dieses Kindes. Dann verändert sich mein Blick. Ich sehe nicht mehr nur: „Dieses Kind stört.“ Sondern vielleicht: „Dieses Kind versucht gerade, irgendwie zurechtzukommen.“ Und daraus entstehen völlig andere Fragen.
Nicht jedes Verhalten braucht ein Etikett. Aber jedes Verhalten verdient einen zweiten Blick.
Neurodiversität und insbesondere ADHS sind Themen, mit denen ich mich fachlich zunehmend intensiv beschäftige.
Dabei ist mir ein differenzierter Blick wichtig: Nicht jedes auffällige, impulsive, unruhige oder herausfordernde Verhalten lässt sich durch ADHS oder eine andere Form von Neurodivergenz erklären. Menschen sind mehr als eine Diagnose, und Verhalten kann viele unterschiedliche Gründe haben.
Gleichzeitig können wir viel aus einer neurodiversitätssensiblen Haltung mitnehmen, unabhängig davon, ob eine Diagnose vorliegt oder nicht. Dazu gehört für mich, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, ihre individuellen Voraussetzungen ernst zu nehmen und genauer hinzuschauen, bevor Verhalten bewertet wird.
Statt vorschnell von „will nicht“, „hört nicht“ oder „strengt sich nicht genug an“ auszugehen, interessiert mich die Frage: Was braucht dieser Mensch, damit etwas möglich werden kann?
Diese Haltung bedeutet für mich nicht, jedes Verhalten zu erklären oder Grenzen aufzulösen. Sie bedeutet, Verhalten verstehen zu wollen, ohne den Menschen darauf zu reduzieren, und gemeinsam nach Wegen zu suchen, die zu seinen Möglichkeiten, Bedürfnissen und seinem Umfeld passen.
„Was ist passiert?“ statt nur „Was stimmt nicht?“
Die Haltung der Traumapädagogik berührt einen wesentlichen Teil meines Menschenbildes. Nicht, weil hinter jedem schwierigen Verhalten automatisch ein Trauma steckt. Sondern weil sie uns dazu einlädt, Verhalten im Zusammenhang mit Erfahrungen und Bewältigung zu betrachten. Manche Strategien, die heute Schwierigkeiten verursachen, waren vielleicht einmal sinnvoll. Sie haben geschützt, Sicherheit geschaffen, Kontrolle ermöglicht oder geholfen, eine Situation überhaupt auszuhalten. Deshalb interessiert mich auch hier der gute Grund. Nicht um problematisches Verhalten schönzureden. Sondern um den Menschen dahinter nicht zu verlieren.
„Beides darf gleichzeitig wahr sein.“
Dieser Satz ist für mich inzwischen fast genauso wichtig wie der gute Grund. Ein Kind kann sein Bestmögliches geben und seine Mutter völlig erschöpfen. Eltern können ihr Kind lieben und manchmal keine Geduld mehr haben. Eine Fachkraft kann ein Kind wertschätzen und mit seinem Verhalten überfordert sein. Ein Partner kann verletzt sein und der andere ebenfalls. Eine Führungskraft kann eine gute Entscheidung treffen und damit jemanden enttäuschen. Wir müssen nicht immer entscheiden, welche Seite recht hat. Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo wir anfangen, beide Perspektiven auszuhalten.
Selbstfürsorge ist kein Egoismus.
Wo bin eigentlich ich? Dieser Gedanke liegt mir besonders am Herzen. Menschen, die viel Verantwortung übernehmen, sind häufig sehr gut darin zu fragen: Was braucht mein Kind? Was braucht mein Partner? Was braucht meine Familie? Was braucht mein Team? Was muss ich noch erledigen? Und irgendwann ist jeder berücksichtigt. Außer man selbst.
Für mich bedeutet Selbstfürsorge deshalb nicht nur Wellness, Urlaub oder eine Stunde „Me-Time“. Sie beginnt mit viel grundlegenderen Fragen: Wie geht es mir eigentlich? Was brauche ich? Wo liegen meine Grenzen? Was gibt mir Kraft? Was kostet mich dauerhaft Kraft? Ich finde, wir dürfen uns selbst an eine wichtige Stelle setzen. Nicht aus Egoismus, sondern weil wir selbst Teil unserer Beziehungen und Systeme sind. Wenn es mir gut geht, kann ich mit meiner Kraft auch für andere da sein. Sich selbst wichtig zu nehmen bedeutet deshalb manchmal auch, Verantwortung zu übernehmen. Für sich selbst und für die Menschen, für die man da sein möchte.
„Was funktioniert, verdient Aufmerksamkeit.“
Wenn etwas lange schwierig ist, sehen wir irgendwann hauptsächlich das Problem. Deshalb frage ich gerne: Wann ist es anders? Wann klappt es ein kleines bisschen besser? Was machen Sie dann? Was macht der andere? Wer würde als Erstes bemerken, dass sich etwas verändert? Was können Sie bereits? Was hat Ihnen früher geholfen? Und: Was soll auf keinen Fall verändert werden? Denn Menschen bringen häufig bereits viel mehr mit, als ihnen in schwierigen Zeiten bewusst ist.
„Veränderung darf klein anfangen.“
Nicht jede Veränderung braucht einen großen Plan. Eine andere Frage kann ein Gespräch verändern. Eine kleine Grenze kann eine Dynamik verändern. Eine andere Reaktion kann einen bekannten Streit unterbrechen. Eine Pause kann verhindern, dass etwas eskaliert. Ein anderer Blick auf ein Kind kann Beziehung verändern. Kleine Veränderungen an einer Stelle können an einer ganz anderen Stelle etwas in Bewegung bringen.